Zeitaufwand

Wenn ich Gästen auf Mittelaltermärkten, Bekannten oder anderen Leuten vom Weben erzähle, wird mir meist DIE Frage gestellt: „Wie lange brauchst du denn für eine Borte?“ Ich konnte bis heute nur vage darauf antworten. Bei meinem letzten Projekt habe ich jetzt einmal aktiv mitgeschrieben wie viel Zeit ich für was gebraucht habe, damit ich euch eine ungefähre Einschätzung geben kann (jede Borte nimmt unterschiedlich viel Zeit in Anspruch!).

Aber erst einmal vorweg:
Mir persönlich hat sich diese Frage nie gestellt! Das Weben ist für mich viel mehr als ein Hobby. Gerade in stressigen Phasen (ich schreibe gerade Klausuren) bin ich froh um jede Minute, die ich mich auf etwas anderes konzentrieren kann. Weben hat nichts mit Stress zu tun, das funktioniert einfach nicht! Bist du gestresst liest du den Webbrief falsch, vergisst etwas oder dir reißt das Garn etc. Klar, höre ich auch einmal Musik oder ein Hörbuch nebenher, aber oftmals konzentriere ich mich einfach nur auf mich selbst und das Weben. Das ist auch der Moment, in dem man die Zeit vergisst.

So aber jetzt zu dem wirklich interessanten:
Ich habe bei der letzten Borte, die ich gefertigt habe, die Zeit vom Zuschneiden des Garns, über das Bespannen des Webkamms bis hin zur fertigen Borte mitgeschrieben. Die Zeit, die ich gebraucht habe, um das Garn zu kaufen und mit der Person zu schreiben, für die diese Borte ist, habe ich hier jetzt einmal außer acht gelassen.

Insgesamt habe ich für eine 2,70m lange Borte 10,5 Stunden gebraucht.

Hier seht ihr eine genauere Auflistung der Zeit und der dabei geschafften Bortenlänge:

  • 2h Vorbereitung
  • 45min + 75min → 30cm
  • 30 min → 10cm
  • 45min → 23cm
  • 60min → 41cm
  • 45min → 30cm
  • 60min → 40cm
  • 150min → 96cm

Ihr könnt hier auch ganz schön erkennen, dass ich am Anfang nicht so viel geschafft habe und sich dann irgendwann die Zeit und die dabei geschafften Längen einpendeln. Das kommt daher, dass sich das Garn (ich habe mit Woll-Garnen gearbeitet) erst einmal an die Bewegungen gewöhnen muss und ich natürlich auch. Das hört sich bestimmt ein bisschen komisch an, aber gerade bei den Woll-Garnen, die sich gerne verfilzen, habe ich gemerkt, dass je länger ich webe, die Auf- und Abbewegungen des Kammes besser funktionieren. Deswegen rede ich immer scherzhaft davon, dass auch das Garn ein Eigenleben führen kann ;). Zudem war mir das Muster bis dato noch nicht bekannt und ich musste erst einmal den Rhythmus erkennen.

Wir haben hier einen Webbrief aus dem Heft Upschöttels – Band aus Pommern von Hildegund Hergenhan. Ich habe das Muster Gertrude getauft, da die Heiligenfigur, nach deren Bandabschluss das Muster entworfen ist, aus der Gertrudkirche in Stettin ist. Die Borte hat dementsprechend 17 Musterfäden und einen einfachen Rand.

Zum Abschluss würde ich gerne noch auf ein Thema zu sprechen kommen, dass gerade im Handwerk immer häufiger zur Sprache kommt. In unserer heutigen Zeit ist das Handwerk wie z.B. das Stricken, Häkeln, Nähen, aber auch Weben, nicht mehr so verbreitet wie es früher einmal war. Natürlich gibt es immer wieder Schübe, in denen es wieder In ist, selbst die Pullover etc. zu fertigen, das möchte ich gar nicht bestreiten. Leider gibt es aber auch immer mehr Menschen, die nicht mehr verstehen, wie viel Arbeit und Zeit eigentlich hinter einfachen Produkten wie einer Borte, geknüpften Hundehalsbändern, gestrickten Pullovern usw. stecken. Es ist auch nicht gerade hilfreich, dass große Internetanbieter Waren billig und innerhalb eines Tages verschicken, wofür wir kleinen Leute zumindest mehrere Tage brauchen. Handwerk hat seinen Preis! Würden wir das berechnen, was uns eigentlich per Mindestlohn pro Stunde, Material etc. zusteht, könnte sich nahezu keiner mehr unsere Produkte leisten.

Ich mache das hier als Hobby. Das bedeutet ich webe, weil es mir Spaß macht. Wenn ich eine meiner Borten verkaufen kann und damit jemanden eine Freude bereite, dann ist das schon genug für mich. Andere verdienen damit aber ihr Geld zum Leben und dann wäre es doch das mindeste diesen Leuten mit Wertschätzung gegenüber ihrer Arbeit entgegenzutreten.

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